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Milchbauernhof Wehling bei Elmshorn

Verbände-Aufruf an Bundesminister Christian Schmidt
Billig-Exportstrategie gefährdet tausende Milchviehbetriebe, gesellschaftliche Akzeptanz und den Weg zu mehr Tierschutz, Umweltschutz und fairem Handel

Wir fordern politischen Einsatz für eine kurzfristige Mengenreduzierung

Fulda, 01.10.2015

Sehr geehrter Herr Bundesminister Schmidt,

zu den aktuellen Milchpreisen kann kein Betrieb kostendeckend Milch erzeugen. Mit jedem Liter Milch, der an die Molkereien geliefert wird, schreiben die Bauern und Bäuerinnen Verlust. Dennoch wird insgesamt in Deutschland und in der EU nicht weniger Milch erzeugt, sondern noch mehr als im Rekordjahr 2014. Die anhaltende Milchkrise zeigt: Prognosen für eine kaufkräftige Nachfrage für die Mehrmengen haben sich als falsch erwiesen: In der EU stagniert der Absatz, und auf dem Weltmarkt ordern Importländer wie China, Russland und erdölexportierende Länder weit weniger als vorhergesagt. Jetzt wird das Überangebot an Milch zu Tiefstpreisen in andere Länder gedrückt, besonders in Afrika, wo die heimischen Viehhalter dieser Konkurrenz oft nicht gewachsen sind. Die EU-Ausfuhren an Magermilchpulver und Butter steigen, aber zu Dumpingpreisen. Gewinner sind exportierende Molkereien in Europa. Sie halten sich schadlos, indem sie den Milchbauern 10 bis 15 Cent je Liter Milch weniger zahlen als im letzten Jahr. Sie setzen alles daran, ihre Weltmarktanteile auszubauen. Mehr Menge zu Tiefstpreisen heißt für sie Exportoffensive.

Hier ist die Politik gefragt. Sehr geehrter Herr Bundesminister Schmidt, Sie sind hier gefordert!

Die Krise auszusitzen hat weitreichende negative Folgen:

  • Es droht ein dramatischer Strukturbruch, indem tausende Milchviehbetriebe aufgeben. Verbleibende Betriebe werden umso größere Wachstumssprünge machen, so dass die Milchmenge – wenn überhaupt – nur kurzfristig sinken wird, um dann erneut zu steigen.
  • Die Milchviehhaltung wird sich noch stärker auf Großbestände und einige wenige Regionen konzentrieren – mit allen Konsequenzen auch für die Umwelt und den Tierschutz vor Ort.
  • Die aus Tierschutzsicht besonders wichtige Weidehaltung von Milchkühen wird in großen Herden kaum praktiziert – sie wird daher großflächig verschwinden. Der Preisdruck wird das Steigern der Milchleistung je Kuh als Zucht- und Fütterungsziel weiter vorantreiben, mit Folgen für Tiergesundheit und Futterzusammensetzung (Kraftfutter, Soja und Mais statt Gras).
  • Die über Jahrhunderte von Wiesen und Weiden geprägten Kulturlandschaften verlieren ihre charaktergebende Nutzungsform und damit Wertschöpfung, Artenvielfalt, Lebensqualität und Attraktivität auch für den Tourismus.
  • Entwicklungspolitisch ist die Exportorientierung unserer Milchwirtschaft verheerend. In den Zielländern untergraben Massenprodukte zu Billigpreisen den dringend notwendigen Aufbau einer regional verankerten Land- und Lebensmittelwirtschaft. Und der großflächige Soja-Anbau in den Herkunftsländern der bei uns eingesetzten Importfuttermittel hat ebenfalls fatale soziale und ökologische Folgen.

Eine Richtungsentscheidung steht an In Deutschland und ganz Mitteleuropa ist die Milchviehhaltung der Bereich der Landwirtschaft, der noch am meisten von betrieblicher Vielfalt und Offenheit gegenüber der Bevölkerung geprägt ist. Bäuerliche Strukturen prägen das Bild – noch. Die Milch genießt in unserer Gesellschaft eine besondere Wertschätzung. All das gerät in Gefahr, wenn diese Krisensituation noch länger anhält. Doch genau das sagen Marktexperten voraus, wenn nicht schnell die erzeugte Milchmenge gesenkt und damit der Preisdruck durch die Überschüsse beendet wird. Hohe Erzeugerpreise gewährleisten nicht automatisch eine standortangepasste, umweltschonende, tiergerechte und entwicklungsverträgliche Milcherzeugung – das ist uns bewusst. Aber Tiefstpreise entziehen dem ganz sicher jegliche Grundlage. Ein späteres Nachbessern wird umso teurer. Wir wollen gemeinsam mit möglichst vielen Bauern und Bäuerinnen eine qualitativ hochwertige Landwirtschaft weiterentwickeln!

Herr Bundesminister Christian Schmidt, wir fordern Sie daher auf:

  • Setzen Sie sich auf EU-Ebene jetzt aktiv für eine kurzfristige Reduzierung der erzeugten Milchmenge ein. Es ist besser, Überschüsse erst gar nicht zu erzeugen, als sie mit staatlicher Unterstützung zu trocknen und einzulagern oder auf den „Weltmarkt“ zu drücken.
  • Setzen Sie sich auf EU-Ebene jetzt aktiv dafür ein, dass aus den knapp 900 Millionen Euro an Superabgaben des allerletzten Quotenjahres ein Bonus für diejenigen Milcherzeuger bezahlt wird, die ihre Milcherzeugung kurzfristig um mehrere Prozent reduzieren.
  • Laden Sie zu einem gesellschaftlichen Milchgipfel statt zu einem „Exportgipfel“ ein.

Wir beschränken uns heute ganz bewusst auf diese Maßnahmen, denn sie stehen jetzt an!

Mit freundlichen Grüßen stellvertretend für alle Unterzeichner: Martin Schulz Prof. Dr. Hubert Weiger Thomas Schröder
Unterzeichnende Organisationen:
Agrar Koordination, Aktion Agrar, Aktion 3.Welt Saar, Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft e.V. (AbL), Bundesverband Berufsschäfer e.V., Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V. (BUND), Demeter e.V., Deutscher Tierschutzbund e.V. (DTSchB), Die Bäcker., Zeit für Geschmack e.V., Euronatur – Stiftung Europäisches Naturerbe, Germanwatch e.V., Fördergemeinschaft Ökologischer Landbau Berlin-Brandenburg (FÖL) e.V., Greenpeace e.V., Kampagne Meine Landwirtschaft, Liga für Hirtenvölker und nachhaltige Viehwirtschaft e.V., NaturFreunde Deutschlands e.V., PROVIEH Verein gegen tierquälerische Massentierhaltung e.V., Sarah Wiener Stiftung, Slow Food Deutschland e.V., Welttierschutzgesellschaft e.V., Zukunftsstiftung Landwirtschaft

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